Störfaktoren

Use Environment Factors

Dr.-Ing. Marcus JenkeSenior Human Factors Engineer | Managing Partner
Stand: 2026
Kurz-Definition

Störfaktoren (Use Environment Factors) sind Einflüsse aus dem Nutzungskontext, die die Interaktion mit einem Medizinprodukt erschweren – etwa Lärm, schlechte Beleuchtung, Zeitdruck, Unterbrechungen oder das Tragen von Handschuhen. Werden sie in Tests ignoriert, überschätzen diese die tatsächliche Gebrauchstauglichkeit systematisch.

Warum ignorierte Störfaktoren Tests verfälschen

Ein Usability-Test in einem ruhigen, gut ausgeleuchteten Prüfraum misst nicht dieselbe Aufgabe wie die tatsächliche Anwendung im hektischen Klinikalltag – auch wenn Bedienschritte und Testteilnehmer identisch sind. Die kognitive Belastung, die Wahrnehmbarkeit von Signalen und die motorische Präzision verändern sich unter realen Bedingungen erheblich, und genau diese Veränderung ist es, die viele im Feld auftretende Anwendungsfehler erklärt, die im Prüfraum nie beobachtet wurden.

Das Problem ist deshalb heikel, weil ein unter Idealbedingungen durchgeführter Test formal erfolgreich verlaufen kann – alle Teilnehmenden lösen die Aufgabe fehlerfrei – und trotzdem ein falsches Sicherheitsgefühl erzeugt. Die eigentliche Gebrauchstauglichkeit des Produkts wird dadurch nicht widerlegt, aber auch nicht bewiesen: Sie bleibt schlicht ungeprüft für genau die Bedingungen, unter denen das Produkt tatsächlich eingesetzt wird.

Kategorien von Störfaktoren

  • Physikalische Umgebung – Beleuchtung, Lärmpegel, Temperatur, beengte Platzverhältnisse, Vibration.
  • Zeitliche Bedingungen – Zeitdruck, Nachtschicht, Ermüdung nach langer Arbeitszeit.
  • Unterbrechungen – Anrufe, parallele Alarme anderer Geräte, Rückfragen von Kollegen, Zuständigkeitswechsel mitten in der Aufgabe.
  • Physische Einschränkungen des Nutzers – Handschuhe, Schutzkleidung, eingeschränkte Sicht durch Maske oder Visier.
  • Soziale und organisatorische Faktoren – Anwesenheit mehrerer Personen, hierarchische Kommunikationshemmnisse, parallele Zuständigkeiten.
  • Gleichzeitige Aufgaben – Bedienung des Produkts während gleichzeitiger Beobachtung des Patienten oder anderer Geräte.

Diese Kategorien sind nicht überschneidungsfrei – ein Notfallszenario kombiniert typischerweise Zeitdruck, Unterbrechungen und hohe soziale Komplexität gleichzeitig, mit einer Wirkung, die deutlich über die Summe der Einzelfaktoren hinausgeht.

Wie relevante Störfaktoren ermittelt werden

Die Auswahl der für ein Produkt relevanten Störfaktoren ergibt sich nicht aus einer generischen Checkliste, sondern aus der Kontextanalyse und der Workflow-Analyse: Beobachtung vor Ort zeigt, welche Bedingungen an einem konkreten Einsatzort tatsächlich auftreten, statt sie anzunehmen. Ein Produkt für die Intensivstation und ein baugleiches Produkt für die häusliche Anwendung sind faktisch unterschiedlichen Störfaktoren ausgesetzt, selbst wenn die Bedienlogik identisch ist.

Besonders aufschlussreich sind dabei Grenz- und Ausnahmesituationen: Notfallnutzung, Nachtschichten und Situationen mit reduzierter Personalbesetzung bündeln typischerweise mehrere Störfaktoren gleichzeitig und sind damit besonders aussagekräftig für die Frage, wo eine Gestaltung unter realen Bedingungen tatsächlich standhält.

Störfaktoren im Testdesign nachbilden

Nicht jeder Störfaktor lässt sich im Labor eins zu eins nachstellen, aber viele lassen sich mit vertretbarem Aufwand annähern: reduzierte Beleuchtung, eingespielter Umgebungslärm, eine parallel zu bearbeitende Nebenaufgabe zur Erzeugung von Zeitdruck, das Tragen von Handschuhen oder eine geplante Unterbrechung mitten in der Aufgabenbearbeitung.

Entscheidend ist, dass diese Bedingungen nicht additiv „zur Sicherheit" eingebaut werden, sondern gezielt jene abbilden, die aus der Kontextanalyse als real und relevant identifiziert wurden. Ein Test, der beliebige erschwerende Bedingungen häuft, ohne sie aus dem realen Nutzungskontext zu begründen, liefert ebenso wenig belastbare Ergebnisse wie ein Test unter Idealbedingungen – er überschätzt das Problem statt die Gebrauchstauglichkeit.

Nicht jeder Störfaktor gehört in jeden Test

Formative und summative Studien haben unterschiedliche Anforderungen an die Nachbildung von Störfaktoren. In frühen formativen Evaluationen steht das Verstehen von Gestaltungsproblemen im Vordergrund, weshalb reduzierte Bedingungen oft ausreichen, um grundlegende Schwachstellen aufzudecken. In der summativen Validierung dagegen müssen genau jene Störfaktoren abgebildet werden, die bei den identifizierten kritischen Aufgaben real auftreten – hier ist Vollständigkeit der Nachbildung sicherheitsrelevant.

Eine sinnvolle Priorisierung berücksichtigt zudem die Wechselwirkung zwischen Störfaktor und Aufgabe: Ein Störfaktor, der eine unkritische Routineaufgabe geringfügig erschwert, verdient weniger Aufwand in der Nachbildung als einer, der ausgerechnet bei einer kritischen Aufgabe zusätzliche Fehlerquellen eröffnet.

Regulatorischer Bezug

IEC 62366-2 empfiehlt ausdrücklich, relevante Störfaktoren des realen Nutzungskontexts bewusst in formative und summative Testdesigns zu integrieren, statt sie aus Bequemlichkeit auszuklammern. Die Nutzungsumgebung ist zudem Bestandteil der Anwendungsspezifikation nach IEC 62366-1 und muss entsprechend in der Nutzungsrisikoanalyse berücksichtigt werden.

Die FDA Human Factors Guidance erwartet, dass die Nutzungsumgebung in der Human Factors Validation angemessen abgebildet wird – einschließlich erschwerender Faktoren, die für die vorgesehene Nutzung typisch sind. Ein Testaufbau ohne diese Faktoren gilt als unzureichend repräsentativ für den realen Einsatz.

Häufige Fragen (FAQ)

Warum reicht ein Test unter Idealbedingungen nicht aus?

Weil kognitive Belastung, Wahrnehmbarkeit und motorische Präzision unter realen Bedingungen erheblich abweichen können. Ein Test im ruhigen Prüfraum kann formal erfolgreich verlaufen und trotzdem ein falsches Sicherheitsgefühl erzeugen, weil die Gebrauchstauglichkeit unter den Bedingungen des tatsächlichen Einsatzes schlicht ungeprüft bleibt.

Wie werden relevante Störfaktoren für ein Produkt bestimmt?

Über Kontextanalyse und Workflow-Analyse vor Ort, nicht über eine generische Checkliste. Beobachtung am realen Einsatzort zeigt, welche Bedingungen tatsächlich auftreten – ein Produkt für die Intensivstation ist anderen Störfaktoren ausgesetzt als ein baugleiches Produkt für die häusliche Anwendung.

Müssen in jedem Test alle Störfaktoren nachgebildet werden?

Nein. In formativen Evaluationen reichen oft reduzierte Bedingungen, um grundlegende Gestaltungsprobleme aufzudecken. In der summativen Validierung müssen dagegen genau jene Störfaktoren abgebildet werden, die bei kritischen Aufgaben real auftreten – dort ist Vollständigkeit sicherheitsrelevant.

Kann man zu viele erschwerende Bedingungen in einen Test einbauen?

Ja. Beliebig gehäufte Störfaktoren ohne Bezug zum realen Nutzungskontext liefern ebenso wenig belastbare Ergebnisse wie ein Test unter Idealbedingungen – sie überschätzen das Problem, statt die tatsächliche Gebrauchstauglichkeit zu messen. Maßgeblich ist die Begründung aus der Kontextanalyse, nicht eine pauschale Erschwernis.

Kurz gesagt

Störfaktoren sind die Bedingungen, unter denen ein Produkt tatsächlich benutzt wird – nicht die, unter denen es sich am einfachsten testen lässt. Ein Test, der sie ignoriert, überschätzt die Gebrauchstauglichkeit systematisch und riskiert, dass reale Anwendungsfehler erst im Feld sichtbar werden.

Welche Störfaktoren relevant sind, ergibt sich aus Kontext- und Workflow-Analyse vor Ort – nicht aus einer generischen Liste und nicht aus beliebig gehäuften Erschwernissen.

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