IEC 62366-2

Dr.-Ing. Benedikt JannySenior Usability Engineer | Managing Partner
Stand: 2026
Kurz-Definition

IEC 62366-2 ist ein Technischer Report, der die normativen Anforderungen von IEC 62366-1 mit praxisorientierten Hinweisen, Methoden und Beispielen ergänzt. Anders als Teil 1 ist Teil 2 nicht verpflichtend – er erklärt, wie der Usability-Engineering-Prozess in der Praxis umgesetzt werden kann, ohne selbst normative Anforderungen zu stellen.

Technical Report statt Norm: der Statusunterschied

Der Unterschied zwischen einer Norm und einem Technical Report ist mehr als eine Formalie. IEC 62366-1 stellt Anforderungen: Wer nach dieser Norm entwickelt, muss bestimmte Schritte durchführen und nachweisen. IEC 62366-2 stellt keine eigenen Anforderungen, sondern erläutert, begründet und veranschaulicht die Anforderungen aus Teil 1 – vergleichbar einem ausführlichen, autorisierten Kommentar zu einem Gesetzestext.

Für Konformitätsbewertungen bedeutet das: Eine Benannte Stelle prüft die Erfüllung von IEC 62366-1, nicht die von IEC 62366-2. Wer jedoch von den in Teil 2 beschriebenen Vorgehensweisen abweicht, sollte begründen können, warum das gewählte Vorgehen die Anforderungen aus Teil 1 dennoch erfüllt – der Report liefert damit implizit einen Erwartungshorizont, an dem sich eine Prüfung orientiert, auch ohne selbst bindend zu sein.

Was IEC 62366-2 inhaltlich liefert

Der Report begleitet den gesamten Usability-Engineering-Prozess und liefert zu praktisch jedem Schritt vertiefende Hinweise:

  • Kontext- und Nutzerforschung – Techniken zur Erhebung von Nutzergruppen, Aufgaben und Nutzungsumgebung, einschließlich Hinweisen zur Aufgabenanalyse.
  • Formative Methoden – analytische und empirische Verfahren wie Cognitive Walkthrough und Lautes Denken, mit Hinweisen zu Vor- und Nachteilen.
  • Teilnehmerauswahl – Kriterien für repräsentative Stichproben und den Umgang mit heterogenen Nutzergruppen.
  • Nutzungsumgebung – die systematische Berücksichtigung von Störfaktoren in Testdesigns.
  • Summative Evaluation – Hinweise zu Stichprobenumfang, Erfolgskriterien und dem Umgang mit beobachteten Anwendungsfehlern.
  • Legacy-Produkte – ein eigener Abschnitt zum Umgang mit Bestandsprodukten, für die kein vollständiger Usability-Engineering-Prozess von Grund auf durchgeführt wurde.

Gerade der letzte Punkt ist in der Praxis wertvoll: Viele Hersteller stehen vor der Frage, wie sie mit langjährig im Markt befindlichen Produkten umgehen sollen, für die historische Prozessdokumentation lückenhaft ist. IEC 62366-2 bietet hierfür einen pragmatischen, risikobasierten Ansatz.

Hilfestellung bei der Methodenwahl

Der praktische Wert des Reports liegt weniger in neuen Inhalten als in der Einordnung bestehender Methoden. IEC 62366-1 verlangt beispielsweise formative Evaluationen, ohne eine bestimmte Methode vorzuschreiben. IEC 62366-2 diskutiert, wann ein analytisches Verfahren ausreicht und wann ein empirischer Test mit Nutzern angezeigt ist, und benennt typische Fallstricke der jeweiligen Methode.

Diese Einordnungshilfe ist besonders für Teams wertvoll, die den Prozess erstmals durchlaufen. Sie schützt vor zwei entgegengesetzten Fehlern: einer methodisch übertriebenen Vorgehensweise, die Ressourcen ohne zusätzlichen Erkenntnisgewinn bindet, und einer zu schlanken Vorgehensweise, die vor einer Benannten Stelle oder Behörde nicht besteht.

Verzahnung mit dem Risikomanagement

Ein eigener Schwerpunkt des Reports liegt auf der Schnittstelle zum Risikomanagement nach ISO 14971. IEC 62366-1 fordert diese Verzahnung, beschreibt sie aber nur in ihren Grundzügen. IEC 62366-2 erläutert konkreter, wie aus Erkenntnissen der Nutzungsrisikoanalyse Risikokontrollmaßnahmen abgeleitet werden und wie deren Wirksamkeit anschließend in der summativen Evaluation überprüft wird.

Diese Verzahnung ist in der Praxis eine häufige Schwachstelle: Nutzungsrisikoanalyse und Risikomanagementakte werden von unterschiedlichen Teams gepflegt und laufen auseinander. Der Report macht deutlich, dass beide Dokumente durchgängig aufeinander verweisen müssen, damit eine Benannte Stelle die Nachvollziehbarkeit prüfen kann.

Praktischer Nutzen und Grenzen

Der Report ersetzt keine eigene fachliche Beurteilung. Er beschreibt allgemeine Vorgehensweisen und Beispiele, die nicht auf jedes Produkt unverändert übertragbar sind – ein implantierbares Produkt mit Fachanwendern stellt andere Anforderungen an die Methodenwahl als ein Selbsttestgerät für Laien. Die Verantwortung, aus den beschriebenen Optionen die für das konkrete Produkt angemessene auszuwählen und zu begründen, verbleibt beim Hersteller.

Ebenso ersetzt der Report keine Kenntnis der zugrunde liegenden Fachdisziplinen. Er verweist beispielsweise auf ergonomische und kognitionspsychologische Grundlagen, ohne sie selbst umfassend zu vermitteln – hierfür bleibt die Ergonomie als eigenständige Wissensbasis maßgeblich.

Regulatorischer Bezug

IEC 62366-2 trägt selbst keine normative Verbindlichkeit und wird von Benannten Stellen nicht als eigenständiger Prüfmaßstab herangezogen – geprüft wird die Erfüllung von IEC 62366-1. Praktisch orientieren sich Auditoren und Gutachter jedoch häufig an den im Report beschriebenen Vorgehensweisen, wenn sie die Angemessenheit einer Methodenwahl beurteilen.

Die FDA Human Factors Guidance verfolgt einen inhaltlich vergleichbaren Zweck für den US-Markt, ist jedoch als Guidance-Dokument der Behörde selbst und nicht als internationaler Report organisiert. Hersteller, die in beide Märkte liefern, gleichen beide Dokumente üblicherweise gegeneinander ab, um Doppelarbeit zu vermeiden.

Häufige Fragen (FAQ)

Muss IEC 62366-2 eingehalten werden?

Nein, im rechtlichen Sinne nicht. IEC 62366-2 ist ein Technical Report ohne normativen Charakter. Verpflichtend ist IEC 62366-1. Der Report liefert jedoch den praktischen Erwartungshorizont, an dem sich die Umsetzung von Teil 1 in der Praxis und in Audits häufig orientiert.

Was passiert, wenn ein Hersteller von den Empfehlungen aus IEC 62366-2 abweicht?

Das ist zulässig, sofern die Anforderungen von IEC 62366-1 dennoch nachweislich erfüllt werden. Da der Report jedoch den etablierten Erwartungshorizont beschreibt, sollte eine Abweichung begründet und dokumentiert werden, um in einem Audit nachvollziehbar zu bleiben.

Für wen ist IEC 62366-2 besonders hilfreich?

Für Teams, die den Usability-Engineering-Prozess erstmals durchlaufen oder die Angemessenheit ihrer Methodenwahl absichern wollen. Der Report übersetzt die eher abstrakten Anforderungen aus IEC 62366-1 in konkretere Vorgehensweisen und benennt typische Fallstricke einzelner Methoden.

Behandelt IEC 62366-2 auch Bestandsprodukte?

Ja. Ein eigener Abschnitt widmet sich dem Umgang mit Legacy-Produkten, für die historisch kein vollständiger Usability-Engineering-Prozess dokumentiert wurde. Der Report beschreibt hierfür einen risikobasierten, pragmatischen Ansatz.

Kurz gesagt

IEC 62366-2 ist der praxisorientierte Begleiter zu IEC 62366-1: kein eigener Anforderungskatalog, sondern eine Erläuterung, wie sich die Anforderungen der Norm methodisch umsetzen lassen – von der Kontextforschung über die Methodenwahl bis zum Umgang mit Bestandsprodukten.

Wer davon abweicht, bleibt frei, sollte die Abweichung aber begründen können – der Report beschreibt den Erwartungshorizont, an dem sich Prüfungen in der Praxis orientieren.

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