Ein Use Error (deutsch: Anwendungsfehler oder Nutzungsfehler) ist nach IEC 62366-1 eine Benutzerhandlung oder deren Unterlassung während der Anwendung eines Medizinprodukts, die zu einem anderen als vom Hersteller beabsichtigten oder vom Benutzer erwarteten Ergebnis führt.
Definition und Abgrenzung
Ein Use Error beschreibt eine Abweichung zwischen dem, was ein Benutzer tut, und dem, was der Hersteller als korrekte Bedienung vorgesehen hat, mit der Folge, dass die Anwendung nicht wie beabsichtigt verläuft. Entscheidend ist dabei die Perspektive: Ein Use Error wird nicht automatisch dem Benutzer als individuelles Versagen angelastet, sondern im Usability Engineering primär als mögliche Folge einer nicht optimal gestalteten Benutzungsschnittstelle verstanden. Diese Sichtweise ist ein Grundprinzip des Usability Engineering: Wenn eine Bedienhandlung immer wieder zu Fehlern führt, liegt die Ursache häufig in der Gestaltung der Benutzungsschnittstelle und nicht in mangelnder Sorgfalt des Benutzers. Daneben können Benutzermerkmale, Aufgabe und Nutzungsumgebung beitragen. Die IEC 62366-1 spricht deshalb bewusst von Use Error und nicht von User Error.
Typische Beispiele für Use Errors sind das Verwechseln ähnlich aussehender Bedienelemente, das Übersehen einer Warnmeldung, eine falsch interpretierte Anzeige, die versehentliche Aktivierung einer Funktion oder ein Programmierfehler bei der Eingabe von Therapieparametern. Wahrnehmungs- und Kognitionsfehler gelten in der IEC 62366-1 als Ursachen oder beitragende Faktoren von Use Errors. Der eigentliche Use Error entsteht erst durch die daraus resultierende fehlerhafte Handlung oder Unterlassung. Das Modell Perception-Cognition-Action hilft, diese Ursachen einzuordnen.
Use Error vs. Abnormale Benutzung
In der Praxis wird der Use Error häufig mit der abnormalen Benutzung (Abnormal Use) verwechselt. Die Abgrenzung ist jedoch regulatorisch relevant. Während ein Use Error aus einer nachvollziehbaren, plausiblen Fehlinterpretation oder einer ergonomisch ungünstigen Gestaltung entsteht, bezeichnet die abnormale Benutzung ein bewusstes, regelwidriges Handeln, etwa das absichtliche Umgehen von Sicherheitsmechanismen oder eine grob fahrlässige Zweckentfremdung des Produkts.
Diese Unterscheidung bestimmt maßgeblich, ob ein Hersteller reagieren muss: Für vorhersehbare Use Errors ist er verpflichtet, das Risiko zu reduzieren, und zwar vorrangig durch Gestaltung: zuerst durch inhärent sichere Gestaltung, dann durch Schutzmaßnahmen und erst zuletzt durch Sicherheitsinformationen (ISO 14971). Abnormale Benutzung liegt dagegen grundsätzlich außerhalb seines unmittelbaren Verantwortungsbereichs, auch wenn gut gestaltete Produkte auch hier präventiv wirken sollten.
| Use Error | Abnormale Benutzung | |
|---|---|---|
| Entstehung | Nachvollziehbare, plausible Fehlinterpretation oder ergonomisch ungünstige Gestaltung | Bewusstes, regelwidriges Handeln, etwa das absichtliche Umgehen von Sicherheitsmechanismen oder eine grob fahrlässige Zweckentfremdung des Produkts |
| Pflicht des Herstellers | Bei vorhersehbaren Use Errors das Risiko reduzieren, vorrangig durch Gestaltung: zuerst inhärent sichere Gestaltung, dann Schutzmaßnahmen, zuletzt Sicherheitsinformationen (ISO 14971) | Liegt grundsätzlich außerhalb seines unmittelbaren Verantwortungsbereichs. Gut gestaltete Produkte sollten auch hier präventiv wirken |
Use Errors in der Nutzungsrisikoanalyse
Use Errors stehen im Zentrum der Nutzungsrisikoanalyse (Use-related Risk Analysis, URRA). Für jede im Rahmen der Aufgabenanalyse identifizierte Benutzeraufgabe wird systematisch untersucht, welche Use Errors auftreten können, ob sie zu einem Hazard-related Use Scenario führen können und wie hoch das daraus resultierende Risiko für Patient, Benutzer oder Dritte ist. Die Identifikation eines Use Errors dient dabei nicht nur der Risikobeschreibung, sondern vor allem der Ableitung geeigneter Risikokontrollmaßnahmen.
Besonders wichtig sind dabei die Aufgaben, die die FDA als kritische Aufgaben (Critical Tasks) bezeichnet: Aufgaben, bei denen ein Anwendungsfehler zu ernstem Schaden führen kann, unabhängig davon, ob bereits Gegenmaßnahmen vorhanden sind. Die IEC 62366-1 kennt diesen Begriff nicht und arbeitet stattdessen mit gefährdungsbezogenen Nutzungsszenarien (Hazard-related Use Scenarios). Beide Regelwerke verlangen für diese Fälle eine besonders sorgfältige Betrachtung, einschließlich gezielter Prüfung in der summativen Evaluation.
Die FDA betrachtet Use Errors, Close Calls und Use Difficulties als zentrale Bewertungselemente im Human Factors Validation Testing. Es zählen also nicht nur tatsächlich eingetretene Fehler. Fehlertolerante Gestaltung soll Use Errors verhindern, frühzeitig erkennen oder deren Auswirkungen begrenzen und ergänzt damit die Nutzungsrisikoanalyse auf Ebene der Fehlertoleranz.
Typische Ursachen von Use Errors
Use Errors entstehen selten zufällig. In der Praxis lassen sich wiederkehrende Ursachen beobachten, die gezielt durch Usability Engineering adressiert werden können:
- Mangelnde Unterscheidbarkeit von Bedienelementen, Symbolen oder Meldungen (z. B. ähnlich aussehende Ampullen oder Tasten)
- Hohe kognitive Belastung in Stresssituationen oder unter Zeitdruck, etwa im klinischen Notfall
- Unklare oder inkonsistente Rückmeldungen des Systems, die den tatsächlichen Zustand nicht eindeutig erkennen lassen
- Abweichungen von Erwartungen, die Benutzer aus anderen, ähnlichen Produkten mitbringen (negativer Transfer)
- Ungünstige Umgebungsbedingungen wie schlechte Beleuchtung, Lärm oder Ablenkung (siehe auch Störfaktoren / Use Environment Factors)
Use Errors erkennen: Formative und summative Evaluation
Use Errors werden nicht erst am fertigen Produkt entdeckt, sondern idealerweise bereits während der Entwicklung. In formativen Evaluationen, etwa mit der Think-Aloud-Methode, werden frühe Designentwürfe mit repräsentativen Benutzern getestet, um Schwachstellen aufzudecken, bevor sie in die finale Gestaltung einfließen.
In der summativen Usability Evaluation (Validierung) wird anschließend am finalen Produkt unter realistischen Bedingungen geprüft, ob kritische Use Errors bei repräsentativen Benutzergruppen tatsächlich auftreten. Diese Validierung ist die regulatorisch geforderte Nachweisführung, dass die Restrisiken durch Anwendungsfehler vertretbar sind.
Regulatorischer Bezug
Der Umgang mit Use Errors ist zentraler Bestandteil des Usability-Engineering-Prozesses nach IEC 62366-1 und eng mit dem Risikomanagement nach ISO 14971 verzahnt. Die EU-Medizinprodukteverordnung (MDR) verlangt in Anhang I ausdrücklich, Risiken durch Anwendungsfehler durch geeignete Gestaltung zu minimieren. Die FDA verfolgt mit ihrer Human-Factors-Guidance einen vergleichbaren Ansatz und stellt in ihren Validierungsanforderungen besonders auf Critical Tasks ab, bei denen Use Errors zu ernstem Schaden führen könnten.
Ein Use Error ist kein individuelles Versagen des Benutzers, sondern häufig ein Hinweis auf Verbesserungspotenzial in der Gestaltung der Benutzungsschnittstelle. Er unterscheidet sich von der abnormalen Benutzung durch seine Vorhersehbarkeit und Plausibilität und ist der zentrale Bezugspunkt der Nutzungsrisikoanalyse nach IEC 62366-1.
Häufige Fragen (FAQ)
Wer trägt die Verantwortung für einen Use Error: der Benutzer oder der Hersteller?
Im Usability Engineering gilt: Ein vorhersehbarer Use Error wird in erster Linie als Hinweis auf ein Gestaltungsproblem verstanden. Der Hersteller ist verpflichtet, die Benutzungsschnittstelle so zu gestalten, dass solche Fehler minimiert werden. Nur bei nicht vorhersehbarem oder regelwidrigem Verhalten, der abnormalen Benutzung, verschiebt sich die Verantwortung.
Was ist der Unterschied zwischen Use Error und Anwendungsfehler?
Es gibt keinen inhaltlichen Unterschied: „Anwendungsfehler“ ist die im deutschsprachigen Raum gebräuchliche Übersetzung des englischen Begriffs „Use Error“ aus IEC 62366-1. Teilweise wird auch der Begriff „Nutzungsfehler“ synonym verwendet.
Wie werden Use Errors in der Praxis identifiziert?
Use Errors werden systematisch im Rahmen der Nutzungsrisikoanalyse (Use-related Risk Analysis) für jede Benutzeraufgabe abgeleitet und anschließend in formativen Studien (z. B. Think-Aloud-Tests an frühen Prototypen) sowie in der summativen Evaluation am finalen Produkt überprüft.
Können Use Errors vollständig vermieden werden?
Nicht vollständig, aber sie können durch geeignete Gestaltungsmaßnahmen, etwa eindeutige Kennzeichnung, Zwangsführung oder klares Feedback, auf ein vertretbares Restrisiko reduziert werden. Genau das ist das Ziel des Usability-Engineering-Prozesses nach IEC 62366-1.
Ist jeder Use Error sicherheitsrelevant?
Nein. Viele Use Errors beeinträchtigen lediglich Effizienz oder Komfort. Sicherheitsrelevant werden sie erst, wenn daraus eine Gefährdungssituation oder ein Schaden entstehen kann.
Ist jeder beobachtete Fehler automatisch ein Use Error?
Nein. Zunächst muss bewertet werden, ob tatsächlich eine fehlerhafte Benutzerhandlung vorliegt oder ob andere Ursachen, etwa technische Defekte oder Testartefakte, verantwortlich sind.
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Mehr zu unserem Usability EngineeringQuellen
- IEC 62366-1:2015+AMD1:2020, Medical devices, Part 1: Application of usability engineering to medical devices
- ISO 14971:2019, Medical devices, Application of risk management to medical devices
- Verordnung (EU) 2017/745 über Medizinprodukte (MDR)