Das Contextual Interview (kontextuelles Interview) ist eine Methode der Nutzerforschung, bei der Anwender an ihrem realen Arbeitsplatz befragt und dabei gleichzeitig beobachtet werden. Sie deckt auf, wie ein Produkt tatsächlich benutzt wird, statt wie seine Benutzung beschrieben wird, und liefert damit den Nutzungskontext, den die IEC 62366-1 als Grundlage jeder Nutzungsrisikoanalyse verlangt.
Prinzip und Erkenntnisgewinn
Das Contextual Interview verbindet zwei Erhebungsformen. Der Anwender arbeitet, die forschende Person schaut zu und fragt an den Stellen nach, an denen etwas Unerwartetes passiert. Dadurch kommen Dinge zur Sprache, die in einer reinen Befragung nie auftauchen, weil sie dem Anwender selbst nicht mehr bewusst sind.
Wer nach seinem Arbeitsablauf gefragt wird, beschreibt den Ablauf, wie er gedacht ist. Wer bei der Arbeit beobachtet wird, zeigt den Ablauf, wie er wirklich ist. Zwischen beidem liegen die Abkürzungen, die Notizzettel am Gerät und die Handgriffe, die sich jemand angewöhnt hat, weil die vorgesehene Bedienung im Alltag nicht funktioniert.
Genau diese Abweichungen sind für die Gebrauchstauglichkeit eines Medizinprodukts entscheidend. Sie sind der Ursprung eines erheblichen Teils der Anwendungsfehler und lassen sich nicht erfragen, sondern nur beobachten.
Contextual Interview, Contextual Inquiry und Feldforschung
Die Begriffe werden häufig synonym benutzt, meinen aber unterschiedlich viel.
Contextual Inquiry bezeichnet den vollständigen Ansatz nach Beyer und Holtzblatt, einschließlich der anschließenden Modellbildung. Contextual Interview meint die einzelne Erhebung vor Ort. Field User Research oder Feldforschung ist der Oberbegriff für alle Methoden, die im realen Umfeld stattfinden, also auch für die reine Beobachtung ohne Befragung.
Für die Praxis in der Medizintechnik ist diese Unterscheidung weniger wichtig als die Frage, ob die Erhebung im echten Nutzungskontext stattgefunden hat oder in einem Besprechungsraum.
Einordnung in IEC 62366-1 und ISO 9241-11
Die IEC 62366-1 verlangt, den Nutzungskontext zu bestimmen, bevor Anforderungen an die Benutzungsschnittstelle festgelegt werden. Dazu gehören die vorgesehenen Nutzergruppen, die Nutzungsumgebung und die dort wirkenden Störfaktoren.
Das kontextuelle Interview ist die Methode, mit der diese Angaben belastbar erhoben werden. Wird der Nutzungskontext stattdessen aus Annahmen abgeleitet, trägt die gesamte darauf aufbauende Nutzungsrisikoanalyse eine ungeprüfte Voraussetzung.
Der Bezug zu DIN EN ISO 9241-11 ist derselbe: Gebrauchstauglichkeit ist dort ausdrücklich kontextabhängig definiert. Dieselbe Bedienung kann in einer Umgebung funktionieren und in einer anderen scheitern.
Wann die Methode passt und wann nicht
Sie passt, wenn der Nutzungskontext unbekannt oder komplex ist, wenn ein Produkt in mehreren sehr verschiedenen Umgebungen eingesetzt wird, oder wenn Anwendungsfehler auftreten, deren Ursache unklar ist.
Sie passt nicht, wenn eine konkrete Gestaltungsvariante bewertet werden soll. Dafür ist die formative Usability Evaluation das richtige Werkzeug. Sie ersetzt auch keine summative Evaluation, die den Nachweis der Gebrauchstauglichkeit erbringt.
Was ein KI-Assistent dabei leisten kann
Sprachmodelle werden zunehmend zur Vorbereitung solcher Erhebungen eingesetzt, etwa um einen Interviewleitfaden zu strukturieren oder Beobachtungsnotizen zu ordnen. Sinnvoll ist das in der Vorbereitung und der Nachbereitung. Bei USE-Ing. setzen wir KI beispielsweise bei der Entwicklung von Nutzungskontextanalysen ein.
Nicht ersetzen kann ein Modell die Erhebung selbst. Es war nicht im Raum, es hat die Abkürzung nicht gesehen und es kennt den Notizzettel am Gerät nicht. Ein generierter Leitfaden bildet ab, was über eine Domäne geschrieben wurde, nicht was in dieser konkreten Klinik passiert.
Wer kontextuelle Interviews in der Medizintechnik durchführt
USE-Ing. führt Anwenderbeobachtungen und kontextuelle Interviews für Hersteller von Medizinprodukten und Labortechnik durch, im klinischen Umfeld ebenso wie in der häuslichen Anwendung. Die Erhebung wird so dokumentiert, dass sie als Nachweis des Nutzungskontexts nach IEC 62366-1 in die Gebrauchstauglichkeitsakte eingeht. Die Rekrutierung der passenden Anwender, von Pflegekräften bis zu Fachärztinnen, gehört dazu.
Häufige Fragen (FAQ)
Was ist der Unterschied zwischen Contextual Interview und Contextual Inquiry?
Contextual Inquiry bezeichnet den vollständigen Ansatz nach Beyer und Holtzblatt einschließlich der anschließenden Modellbildung. Contextual Interview meint die einzelne Erhebung vor Ort, also das Gespräch mit gleichzeitiger Beobachtung am realen Arbeitsplatz. In der Praxis werden beide Begriffe häufig synonym verwendet.
Warum reicht ein normales Interview nicht aus?
Ein Interview im Besprechungsraum liefert den Ablauf, wie der Anwender ihn beschreibt. Die Beobachtung am Arbeitsplatz liefert den Ablauf, wie er tatsächlich stattfindet. Dazwischen liegen Abkürzungen, Behelfslösungen und eingeübte Handgriffe, die dem Anwender selbst nicht mehr bewusst sind und die einen erheblichen Teil der Anwendungsfehler erklären.
Welchen Bezug hat die Methode zur IEC 62366-1?
Die Norm verlangt, den Nutzungskontext mit Nutzergruppen, Nutzungsumgebung und Störfaktoren zu bestimmen, bevor Anforderungen an die Benutzungsschnittstelle festgelegt werden. Das kontextuelle Interview ist die Methode, mit der diese Angaben belastbar erhoben und für die Gebrauchstauglichkeitsakte dokumentiert werden.
Kann ein KI-Assistent ein kontextuelles Interview ersetzen?
Nein. Ein Sprachmodell kann bei der Vorbereitung eines Leitfadens und beim Ordnen der Notizen unterstützen. Die Erhebung selbst kann es nicht ersetzen, weil es die konkrete Umgebung nicht gesehen hat. Ein generierter Leitfaden gibt wieder, was über eine Domäne veröffentlicht wurde, nicht was in dieser Klinik geschieht.