Hazard-related Use Scenario

Dr.-Ing. Benedikt JannySenior Usability Engineer | Managing Partner
Stand: 2026
Kurz-Definition

Ein Hazard-related Use Scenario (HRUS) ist ein Benutzungsszenario, bei dem eine oder mehrere Nutzerhandlungen in Kombination mit Nutzungskontext, Benutzermerkmalen oder Systemeigenschaften zu einer gefährlichen Situation oder zu einem Schaden beitragen können. Im Rahmen von IEC 62366-1 dienen Hazard-related Use Scenarios der Identifikation der sicherheitsrelevanten Aspekte der Nutzung und bilden eine zentrale Verbindung zwischen Usability Engineering und Risikomanagement nach ISO 14971.

Rolle im Usability-Engineering-Prozess

Hazard-related Use Scenarios entstehen typischerweise aus der Verknüpfung von Anwendungsspezifikation, Aufgabenanalyse und Risikomanagement. Sie beschreiben nicht lediglich Benutzeraufgaben, sondern fokussieren auf Nutzungsabläufe, bei denen ein Use Error oder ein anderer nutzungsbezogener Faktor zu einer gefährlichen Situation führen kann. In der IEC-62366-Logik dienen sie als Grundlage für die Identifikation nutzungsbezogener Gefährdungen sowie für die Ableitung risikomindernder Maßnahmen.

Abgrenzung zu Use Scenario und User Task

Ein gewöhnliches Use Scenario beschreibt einen Anwendungsablauf unabhängig von dessen Sicherheitsrelevanz. Ein Hazard-related Use Scenario stellt dagegen ausdrücklich einen Bezug zu einer Gefährdung oder gefährlichen Situation her. Eine User Task beschreibt nur eine einzelne Benutzerhandlung oder einen Arbeitsschritt, während ein Hazard-related Use Scenario typischerweise mehrere zusammenhängende User Tasks einschließlich Kontextbedingungen umfasst.

Zusammenhang mit Critical Tasks

FDA-Dokumente fokussieren primär auf Critical Tasks, also Benutzerhandlungen, deren fehlerhafte Ausführung unmittelbar oder mittelbar zu Schaden führen kann. Zwischen beiden Konzepten besteht eine enge Beziehung: Ein Hazard-related Use Scenario umfasst häufig mehrere Tasks, von denen einzelne als Critical Tasks klassifiziert werden. Während IEC 62366-1 stärker szenariobasiert arbeitet, konzentriert sich die FDA-Dokumentation stärker auf die sicherheitskritischen Aufgaben innerhalb dieser Szenarien.

Ableitung und Beschreibung

Die Erstellung erfolgt meist durch Kombination folgender Informationen: Use Specification, Context-of-Use-Analyse, Task Analysis bzw. Hierarchical Task Analysis (HTA), Use-Error-Analyse sowie Risikomanagement nach ISO 14971. Ein vollständiges Hazard-related Use Scenario beschreibt typischerweise Nutzergruppe, Nutzungskontext, Ziel der Handlung, relevante Benutzerinteraktionen, mögliche Fehlbedienungen sowie die daraus resultierende Gefährdungssituation. Dadurch entsteht eine nachvollziehbare Verbindung zwischen Risikoanalyse und Usability-Nachweisen.

Bedeutung für formative und summative Evaluationen

Hazard-related Use Scenarios bestimmen maßgeblich den Umfang sicherheitsrelevanter Usability-Tests. In formativen Studien werden sie genutzt, um risikobehaftete Interaktionen frühzeitig zu untersuchen und Designmängel aufzudecken. In summativen Evaluierungen bilden sie die Grundlage für die Auswahl der sicherheitskritischen Testaufgaben und Nutzungsszenarien. Ein unvollständiger Satz von Hazard-related Use Scenarios kann dazu führen, dass relevante Risiken in der Validierung nicht untersucht werden.

Typische Schwächen in der Praxis

Ein häufiges Problem besteht darin, Hazard-related Use Scenarios auf einzelne Bedienfehler zu reduzieren. Dadurch gehen wichtige Kontextfaktoren verloren, etwa Zeitdruck, Umgebungsbedingungen oder die Benutzerqualifikation. Ebenfalls verbreitet ist die Vermischung von Gefährdung, gefährlicher Situation und Benutzeraufgabe. Dies erschwert die Rückverfolgbarkeit zwischen Risikomanagementakte, Usability Engineering File und Evaluationsberichten.

Regulatorischer Bezug

IEC 62366-1 fordert die Identifikation und Dokumentation von Hazard-related Use Scenarios als Bestandteil des Usability-Engineering-Prozesses; sie dienen als Grundlage für die Ableitung nutzungsbezogener Risiken und für die Planung von Evaluierungen. ISO 14971 stellt die praktische Verbindung zwischen Benutzerinteraktion und Risikomanagement her – nutzungsbezogene Gefährdungen und Use Errors müssen in die Risikoanalyse einbezogen werden. Die FDA verwendet in ihrer Human-Factors-Guidance überwiegend den Begriff Critical Task, verweist aber auch auf Hazard-related Use Scenarios im Kontext sicherheitsrelevanter Nutzungssituationen; für das Human Factors Validation Testing sollen die verwendeten Use Scenarios beschrieben und die darin enthaltenen kritischen und nicht kritischen Aufgaben aufgeführt werden.

Häufige Fragen (FAQ)

Ist jedes Use Scenario automatisch ein Hazard-related Use Scenario?

Nein. Ein normales Use Scenario beschreibt lediglich einen Nutzungsvorgang. Erst wenn ein Bezug zu einer Gefährdung oder gefährlichen Situation besteht, handelt es sich um ein Hazard-related Use Scenario.

Ist ein Hazard-related Use Scenario dasselbe wie eine Critical Task?

Nein. Ein Hazard-related Use Scenario beschreibt einen vollständigen sicherheitsrelevanten Nutzungskontext. Eine Critical Task ist eine einzelne sicherheitskritische Benutzerhandlung innerhalb eines solchen Szenarios.

Müssen Hazard-related Use Scenarios in summativen Studien getestet werden?

Grundsätzlich sollten alle Szenarien berücksichtigt werden, die zu nicht akzeptablen nutzungsbezogenen Risiken beitragen können. Die konkrete Auswahl muss risikobasiert begründet werden.

Werden Hazard-related Use Scenarios direkt aus der Risikomanagementakte übernommen?

Nicht vollständig. Sie entstehen typischerweise durch die Kombination von Risikoanalyse, Aufgabenanalyse und Nutzungskontextanalyse. Die Risikomanagementakte liefert die sicherheitsrelevanten Ausgangspunkte.

Kurz gesagt

Ein Hazard-related Use Scenario verbindet Nutzungsszenario, Critical Task und Gefährdungssituation zu einer nachvollziehbaren Ereigniskette. Es bestimmt maßgeblich, welche Aufgaben und Interaktionen in formativen und summativen Evaluationen untersucht werden müssen.

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