Gefährdungssituation

Hazardous Situation

Dr.-Ing. Benedikt JannySenior Usability Engineer | Managing Partner
Stand: 2026
Kurz-Definition

Eine Gefährdungssituation (engl. Hazardous Situation) ist im Risikomanagement von Medizinprodukten die Situation, in der Menschen, Eigentum oder die Umwelt einer oder mehreren Gefährdungen ausgesetzt sind. Sie ist das Bindeglied zwischen einer vorhandenen Gefährdung (Hazard) und einem möglichen Schaden (Harm) und wird im Usability Engineering besonders relevant, wenn sie durch Benutzerinteraktion, Anwendungsfehler oder Mängel der Benutzungsschnittstelle ausgelöst wird.

Rolle im Nutzungsrisikomanagement

Die Gefährdungssituation ist ein zentrales Element der Risikoentstehungskette. Während eine Gefährdung lediglich das inhärente Potenzial zur Schadensverursachung beschreibt, entsteht ein tatsächliches Risiko erst dann, wenn eine Person oder ein Objekt dieser Gefährdung ausgesetzt wird. Im Usability Engineering wird deshalb analysiert, welche Benutzungsabläufe oder Anwendungsfehler zu einer konkreten Exposition gegenüber einer Gefährdung führen können. Die Beschreibung von Gefährdungssituationen ermöglicht eine nachvollziehbare Verknüpfung zwischen Use Errors und potenziellen Schäden.

Abgrenzung zu Hazard, Schaden und Risiko

Gefährdung (Hazard), Gefährdungssituation (Hazardous Situation), Schaden (Harm) und Risiko werden in der Praxis häufig vermischt. Die Gefährdung beschreibt die potenzielle Ursache eines Schadens, beispielsweise eine zu hohe Medikamentendosis. Die Gefährdungssituation liegt vor, wenn ein Patient dieser potenziell schädlichen Dosis tatsächlich ausgesetzt wird. Der Schaden entsteht erst, wenn daraus eine gesundheitliche Beeinträchtigung resultiert. Das Risiko ergibt sich schließlich aus der Kombination von Eintrittswahrscheinlichkeit und Schwere des Schadens – eine saubere Trennung dieser Begriffe verbessert die Qualität von Risikoanalysen erheblich.

Zusammenhang mit Anwendungsfehlern

Viele Gefährdungssituationen entstehen nicht direkt durch technische Defekte, sondern durch Anwendungsfehler oder durch Benutzungsschnittstellen, die Fehler begünstigen. Beispiele sind fehlerhafte Parametereingaben, Verwechslungen von Patienten, Fehlinterpretationen von Alarmen oder die Anwendung eines Produkts unter ungeeigneten Umgebungsbedingungen. Die Analyse solcher Ereignisketten ist ein Kernelement der Nutzungsrisikoanalyse (Use-related Risk Analysis). Ziel ist es, kritische Interaktionsmuster frühzeitig zu erkennen und durch geeignete Designmaßnahmen zu beherrschen.

Identifikation von Gefährdungssituationen

Die Identifikation erfolgt üblicherweise auf Basis mehrerer Informationsquellen: Anforderungserhebung, Task Analysis, Use Scenarios, bekannte Vorkommnisse aus Post-Market-Daten, Literaturrecherchen sowie Erkenntnisse aus formativen Studien. Besonders wichtig ist die Betrachtung sowohl vorhersehbarer (foreseeable) als auch bereits bekannter (known) Gefährdungssituationen – dadurch werden produktspezifische Risiken mit Erfahrungen aus ähnlichen Produkten und Marktbeobachtungen kombiniert.

Gefährdungssituationen bilden die Grundlage für die Ableitung gefährdungsbezogener Anwendungsszenarien (Hazard-related Use Scenarios). Diese beschreiben eine konkrete Ereigniskette aus Aufgaben, Benutzerinteraktionen, möglichen Anwendungsfehlern und der daraus resultierenden Gefährdungssituation. Sie dienen als Input für formative Evaluationen und als wesentliche Grundlage zur Auswahl der Szenarien für die summative Evaluation. Ohne klar definierte Gefährdungssituationen ist eine nachvollziehbare Auswahl sicherheitskritischer Testszenarien kaum möglich.

Typische Schwächen in der Praxis

Ein häufiger Fehler besteht darin, Gefährdungssituationen zu abstrakt zu formulieren. Aussagen wie „falsche Bedienung" oder „Anwendungsfehler" beschreiben keine Gefährdungssituation, sondern lediglich mögliche Ursachen. Eine belastbare Formulierung beschreibt die konkrete Situation, in der die Gefährdung wirksam wird, beispielsweise „Patient erhält eine zehnfach zu hohe Infusionsrate". Ebenso problematisch ist die Vermischung von Schaden und Gefährdungssituation in derselben Beschreibung – dadurch wird die spätere Risikobewertung erschwert und die Nachvollziehbarkeit für Auditoren und Benannte Stellen reduziert.

Regulatorischer Bezug

IEC 62366-1 fordert die Identifikation bekannter oder vorhersehbarer Gefährdungen und Gefährdungssituationen als Bestandteil des Usability-Engineering-Prozesses, im Zusammenhang mit der Analyse potenzieller Anwendungsfehler und sicherheitsrelevanter Merkmale der Benutzungsschnittstelle. Gefährdungsbezogene Anwendungsszenarien müssen daraus abgeleitet werden und dienen als Grundlage für die Bewertung der Gebrauchstauglichkeit sicherheitsrelevanter Funktionen. ISO 14971 verwendet die Gefährdungssituation als zentrales Element der Risikoentstehungskette zwischen Gefährdung und Schaden; das Risikomanagement muss Ereignisfolgen analysieren, die zu Gefährdungssituationen führen können. Die FDA verlangt in ihrer Human-Factors-Guidance die Identifikation kritischer Aufgaben und nutzungsbezogener Risiken, wobei Gefährdungssituationen typischerweise über Use Scenarios und Critical Tasks operationalisiert werden.

Häufige Fragen (FAQ)

Ist eine Gefährdungssituation dasselbe wie ein Anwendungsfehler?

Nein. Ein Anwendungsfehler kann eine Ursache sein, die zu einer Gefährdungssituation führt. Die Gefährdungssituation beschreibt dagegen den Zustand, in dem eine Person oder ein Objekt einer Gefährdung ausgesetzt ist.

Muss jede Gefährdungssituation durch einen Anwendungsfehler entstehen?

Nein. Gefährdungssituationen können sowohl durch Anwendungsfehler als auch durch technische Ausfälle, Umgebungsbedingungen oder Kombinationen verschiedener Faktoren entstehen.

Warum sind Gefährdungssituationen für die summative Evaluation wichtig?

Sie dienen als Grundlage zur Identifikation von Hazard-related Use Scenarios und damit zur Auswahl der sicherheitskritischen Szenarien, die im Human Factors Validation Test bewertet werden müssen.

Wie detailliert sollte eine Gefährdungssituation beschrieben werden?

So konkret, dass eindeutig erkennbar ist, wer welcher Gefährdung ausgesetzt wird und unter welchen Umständen dies geschieht. Reine Schlagworte oder abstrakte Fehlerbeschreibungen reichen dafür meist nicht aus.

Kurz gesagt

Die Gefährdungssituation ist das Bindeglied zwischen Gefährdung und Schaden – und damit der Punkt, an dem Usability Engineering und Risikomanagement zusammenlaufen. Wer sie zu abstrakt formuliert, verliert die Nachvollziehbarkeit zwischen Use Error, Risikoanalyse und späteren Evaluationsentscheidungen.

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