Anwendungsfehler

Use Error

Dr.-Ing. Benedikt JannySenior Usability Engineer | Managing Partner
Stand: 2026
Kurz-Definition

Ein Use Error (deutsch: Anwendungsfehler oder Nutzungsfehler) ist nach IEC 62366-1 eine Nutzerhandlung oder deren Unterlassung während der Anwendung eines Medizinprodukts, die zu einem anderen als vom Hersteller beabsichtigten oder vom Nutzer erwarteten Ergebnis führt.

Definition und Abgrenzung

Ein Use Error beschreibt eine Abweichung zwischen dem, was ein Nutzer tut, und dem, was der Hersteller als korrekte Bedienung vorgesehen hat – mit der Folge, dass die Anwendung nicht wie beabsichtigt verläuft. Entscheidend ist dabei die Perspektive: Ein Use Error wird nicht automatisch dem Nutzer als individuelles Versagen angelastet, sondern im Usability Engineering primär als mögliche Folge einer nicht optimal gestalteten Benutzungsschnittstelle verstanden. Diese Sichtweise ist der Kerngedanke von IEC 62366-1: Wenn eine Bedienhandlung immer wieder zu Fehlern führt, liegt die Ursache in der Regel im Design – nicht in mangelnder Sorgfalt des Anwenders.

Typische Beispiele für Use Errors sind das Verwechseln ähnlich aussehender Bedienelemente, das Übersehen einer Warnmeldung, eine falsch interpretierte Anzeige, die versehentliche Aktivierung einer Funktion oder ein Programmierfehler bei der Eingabe von Therapieparametern. Man unterscheidet dabei häufig zwischen Handlungsfehlern (die korrekte Absicht wird falsch ausgeführt) und Wahrnehmungs- oder Verständnisfehlern (die Situation oder Anzeige wird falsch interpretiert, wodurch bereits die Absicht fehlerhaft gebildet wird).

Use Error vs. Abnormale Benutzung

In der Praxis wird der Use Error häufig mit der abnormalen Benutzung (Abnormal Use) verwechselt – die Abgrenzung ist jedoch regulatorisch relevant. Während ein Use Error aus einer nachvollziehbaren, plausiblen Fehlinterpretation oder einer ergonomisch ungünstigen Gestaltung entsteht, bezeichnet die abnormale Benutzung ein bewusstes, regelwidriges Handeln – etwa das absichtliche Umgehen von Sicherheitsmechanismen oder eine grob fahrlässige Zweckentfremdung des Produkts.

Diese Unterscheidung bestimmt maßgeblich, ob ein Hersteller reagieren muss: Für vorhersehbare Use Errors ist er verpflichtet, das Risiko durch Gestaltungsmaßnahmen zu minimieren. Abnormale Benutzung liegt dagegen grundsätzlich außerhalb seines unmittelbaren Verantwortungsbereichs – auch wenn gut gestaltete Produkte auch hier präventiv wirken sollten.

Use Errors in der Nutzungsrisikoanalyse

Use Errors stehen im Zentrum der Nutzungsrisikoanalyse (Use-related Risk Analysis, URRA). Für jede im Rahmen der Aufgabenanalyse identifizierte Nutzeraufgabe wird systematisch untersucht, welche Use Errors auftreten können, ob sie zu einem Hazard-related Use Scenario führen können und wie hoch das daraus resultierende Risiko für Patient, Anwender oder Dritte ist.

Besonders kritisch sind dabei sogenannte Critical Tasks: Aufgaben, bei denen ein Use Error zu ernsthaftem Schaden führen könnte, wenn keine Gegenmaßnahmen greifen. Für diese Aufgaben verlangen sowohl IEC 62366-1 als auch die FDA-Guidance zu Human Factors eine besonders sorgfältige Betrachtung – inklusive gezielter Testung im Rahmen der summativen Evaluation.

Typische Ursachen von Use Errors

Use Errors entstehen selten zufällig. In der Praxis lassen sich wiederkehrende Ursachen beobachten, die gezielt durch Usability Engineering adressiert werden können:

  • Mangelnde Unterscheidbarkeit von Bedienelementen, Symbolen oder Meldungen (z. B. ähnlich aussehende Ampullen oder Tasten)
  • Hohe kognitive Belastung in Stresssituationen oder unter Zeitdruck, etwa im klinischen Notfall
  • Unklare oder inkonsistente Rückmeldungen des Systems, die den tatsächlichen Zustand nicht eindeutig erkennen lassen
  • Abweichungen von Erwartungen, die Nutzer aus anderen, ähnlichen Produkten mitbringen (negativer Transfer)
  • Ungünstige Umgebungsbedingungen wie schlechte Beleuchtung, Lärm oder Ablenkung (siehe auch Störfaktoren / Use Environment Factors)

Use Errors erkennen: Formative und summative Evaluation

Use Errors werden nicht erst am fertigen Produkt entdeckt, sondern idealerweise bereits während der Entwicklung. In formativen Evaluationen – etwa mit der Think-Aloud-Methode – werden frühe Designentwürfe mit repräsentativen Nutzern getestet, um Schwachstellen aufzudecken, bevor sie in die finale Gestaltung einfließen.

In der summativen Usability Evaluation (Validierung) wird anschließend am finalen Produkt unter realistischen Bedingungen geprüft, ob kritische Use Errors bei repräsentativen Nutzergruppen tatsächlich auftreten. Diese Validierung ist die regulatorisch geforderte Nachweisführung, dass die Restrisiken durch Anwendungsfehler vertretbar sind.

Regulatorischer Bezug

Der Umgang mit Use Errors ist zentraler Bestandteil des Usability-Engineering-Prozesses nach IEC 62366-1 und eng mit dem Risikomanagement nach ISO 14971 verzahnt. Die EU-Medizinprodukteverordnung (MDR) verlangt in Anhang I ausdrücklich, Risiken durch Anwendungsfehler durch geeignete Gestaltung zu minimieren. Die FDA verfolgt mit ihrer Human-Factors-Guidance einen vergleichbaren Ansatz und stellt in ihren Validierungsanforderungen besonders auf Critical Tasks ab, bei denen Use Errors zu ernstem Schaden führen könnten.

Häufige Fragen (FAQ)

Wer trägt die Verantwortung für einen Use Error – der Nutzer oder der Hersteller?

Im Usability Engineering gilt: Ein vorhersehbarer Use Error wird in erster Linie als Hinweis auf ein Gestaltungsproblem verstanden. Der Hersteller ist verpflichtet, die Benutzungsschnittstelle so zu gestalten, dass solche Fehler minimiert werden. Nur bei nicht vorhersehbarem oder regelwidrigem Verhalten – der abnormalen Benutzung – verschiebt sich die Verantwortung.

Was ist der Unterschied zwischen Use Error und Anwendungsfehler?

Es gibt keinen inhaltlichen Unterschied: „Anwendungsfehler" ist die im deutschsprachigen Raum gebräuchliche Übersetzung des englischen Begriffs „Use Error" aus IEC 62366-1. Teilweise wird auch der Begriff „Nutzungsfehler" synonym verwendet.

Wie werden Use Errors in der Praxis identifiziert?

Use Errors werden systematisch im Rahmen der Nutzungsrisikoanalyse (Use-related Risk Analysis) für jede Nutzeraufgabe abgeleitet und anschließend in formativen Studien (z. B. Think-Aloud-Tests an frühen Prototypen) sowie in der summativen Validierung am finalen Produkt überprüft.

Können Use Errors vollständig vermieden werden?

Nicht vollständig, aber sie können durch geeignete Gestaltungsmaßnahmen – etwa eindeutige Kennzeichnung, Zwangsführung oder klares Feedback – auf ein vertretbares Restrisiko reduziert werden. Genau das ist das Ziel des Usability-Engineering-Prozesses nach IEC 62366-1.

Kurz gesagt

Ein Use Error ist kein individuelles Versagen des Nutzers, sondern in der Regel ein Hinweis auf Verbesserungspotenzial in der Gestaltung der Benutzungsschnittstelle. Er unterscheidet sich von der abnormalen Benutzung durch seine Vorhersehbarkeit und Plausibilität und ist der zentrale Bezugspunkt der Nutzungsrisikoanalyse nach IEC 62366-1.

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