Usability Engineering Prozess

Dr.-Ing. Benedikt JannySenior Usability Engineer | Managing Partner
Stand: 2026
Kurz-Definition

Der Usability-Engineering-Prozess (UE-Prozess) ist der systematische, risikobasierte Entwicklungsprozess zur Analyse, Spezifikation, Gestaltung, Verifizierung und Validierung der sicheren Nutzung eines Medizinprodukts. Im Kontext von IEC 62366-1 steht die Identifikation und Beherrschung anwendungsbezogener Risiken im Fokus. Der Prozess verbindet Nutzerforschung, Nutzungsrisikoanalyse, iterative Gestaltung und Evaluation zu einem nachvollziehbar dokumentierten Vorgehen innerhalb der Produktentwicklung.

Zielsetzung und Einordnung im Produktentwicklungsprozess

Der UE-Prozess verfolgt das Ziel, Nutzungsfehler (Use Errors) mit potenziellen Sicherheitsauswirkungen frühzeitig zu erkennen und durch geeignete Gestaltung zu verhindern oder ihre Auswirkungen zu begrenzen. Anders als allgemeine User-Experience- oder Gebrauchstauglichkeitsoptimierung konzentriert sich der regulatorische UE-Prozess primär auf sicherheitsrelevante Aspekte der Anwendung. Der Prozess beginnt typischerweise bereits in frühen Entwicklungsphasen und begleitet den gesamten Produktlebenszyklus; Ergebnisse fließen in Designentscheidungen, Risikomanagementaktivitäten und regulatorische Nachweise ein.

Analysephase: Anwendungskontext und Nutzer verstehen

Zu Beginn werden die bestimmungsgemäße Verwendung, Nutzergruppen, Anwendungsumgebungen sowie die relevanten Nutzungsszenarien systematisch ermittelt. Die Ergebnisse werden häufig in der Anwendungsspezifikation dokumentiert. Typische Methoden sind Kontextanalyse, Contextual Inquiry, Feldbeobachtungen, Interviews, Task Analysis, Hierarchical Task Analysis (HTA) sowie Workflow-Analyse. Ein häufiger Fehler besteht darin, lediglich die vorgesehene Nutzung zu betrachten und seltene, aber sicherheitskritische Nutzungssituationen zu übersehen.

Nutzungsrisikoanalyse als zentrale Steuerungsaktivität

Die Nutzungsrisikoanalyse bildet die Verbindung zwischen Usability Engineering und ISO-14971-konformem Risikomanagement. Dabei werden potenzielle Nutzungssituationen identifiziert, in denen Anwenderfehler zu Gefährdungen oder Schäden führen können. Im Fokus stehen insbesondere kritische Aufgaben (Critical Tasks), potenzielle Use Errors, Fehlinterpretationen von Anzeigen, Bedienverwechslungen sowie Wahrnehmungs- und Erinnerungsprobleme. Die Analyse wird iterativ fortgeführt und bei jeder relevanten Designänderung aktualisiert – in der Praxis wird häufig unterschätzt, wie stark sich Änderungen der Benutzungsschnittstelle auf bereits bewertete Risiken auswirken können.

User Interface Specification und Designentwicklung

Basierend auf den Analyseergebnissen werden Anforderungen an die Benutzungsschnittstelle abgeleitet und dokumentiert – unter anderem zu Informationsdarstellung, Bedienelementen, Alarmkonzepten, Beschriftungen, Gebrauchsanweisungen und Schulungsanforderungen. Der Entwurf sollte stets risikobasiert erfolgen: Maßnahmen wie Fehlbedienungsschutz, eindeutige Rückmeldungen, Forcing Functions oder verbesserte Sichtbarkeit kritischer Informationen dienen der Risikoreduktion. Ein typischer Fehler ist die Ableitung von UI-Anforderungen ausschließlich aus technischen Anforderungen, ohne ausreichend Bezug zu Nutzungsrisiken und Nutzerbedürfnissen.

Formative Evaluation als iterativer Optimierungsprozess

Formative Evaluationen dienen dazu, Schwachstellen des Entwurfs frühzeitig zu erkennen. Sie sind keine einmalige Aktivität, sondern begleiten mehrere Entwicklungszyklen – typische Methoden sind Usability-Tests mit Prototypen, Expertenreviews, Cognitive Walkthroughs, heuristische Evaluationen und Simulationen von Nutzungssituationen. Im regulatorischen Kontext ist die Dokumentation der identifizierten Probleme, ihrer Ursachen und der daraus resultierenden Designänderungen häufig wichtiger als die reine Anzahl gefundener Usability-Probleme.

Summative Evaluation und Nachweis der sicheren Anwendung

Die summative Evaluation (Human Factors Validation, Usability Validation) stellt den formalen Nachweis dar, dass die vorgesehenen Nutzer kritische Aufgaben unter repräsentativen Bedingungen sicher durchführen können. Im Gegensatz zu formativen Tests dürfen während einer summativen Evaluation keine Designänderungen mehr vorgenommen werden; der Fokus liegt auf dem Nachweis der Wirksamkeit bereits implementierter Risikokontrollen. Besondere Bedeutung haben realistische Nutzungsszenarien, repräsentative Nutzergruppen, kritische Aufgaben sowie die Analyse aufgetretener Use Errors und Beinahe-Fehler. Die summative Evaluation bildet regelmäßig einen wesentlichen Bestandteil regulatorischer Einreichungen und des Usability Engineering Files.

Regulatorischer Bezug

IEC 62366-1 beschreibt einen formalen Prozess zur Analyse, Spezifikation, Entwicklung und Bewertung der Gebrauchstauglichkeit von Medizinprodukten in Bezug auf Sicherheit – von der Anwendungsspezifikation über die Identifikation bekannter oder vorhersehbarer Gefährdungen und gefährlicher Situationen bis zur Festlegung UI-bezogener Anforderungen, Evaluation und Dokumentation im Usability Engineering File. IEC 62366-2 ergänzt dazu Anwendungsleitfäden und praktische Empfehlungen zur Umsetzung des Prozesses über die normativen Anforderungen hinaus. Nutzungsbedingte Risiken müssen im Rahmen des Risikomanagements nach ISO 14971 berücksichtigt werden; die Usability-Engineering-Aktivitäten liefern hierfür wesentliche Eingabedaten. Die FDA empfiehlt in ihrer Human-Factors-Guidance die Anwendung eines strukturierten Human-Factors- bzw. Usability-Engineering-Prozesses zur Reduktion nutzungsbedingter Risiken und erwartet für viele Produkte mit potenziell schwerwiegenden Folgen von Anwendungsfehlern Human-Factors-Validierungsdaten als Bestandteil regulatorischer Einreichungen.

Häufige Fragen (FAQ)

Ist der Usability-Engineering-Prozess identisch mit Human Factors Engineering?

Im regulatorischen Medizinproduktekontext werden beide Begriffe weitgehend synonym verwendet. Die FDA bevorzugt den Begriff Human Factors Engineering, während IEC 62366 primär von Usability Engineering spricht.

Kann eine summative Evaluation fehlende formative Aktivitäten ersetzen?

Nein. Die summative Evaluation dient dem Nachweis der Beherrschung identifizierter Risiken. Sie ersetzt nicht die iterative Optimierung während der Entwicklung.

Gehören Gebrauchsanweisung und Training zum Usability-Engineering-Prozess?

Ja. Beide können Bestandteil der Benutzungsschnittstelle sein und müssen deshalb bei Analyse, Risikobewertung und Evaluation berücksichtigt werden.

Ist der UE-Prozess nur für Softwareprodukte relevant?

Nein. IEC 62366-1 gilt für Medizinprodukte allgemein. Mechanische, elektromechanische, aktive und softwarebasierte Produkte können gleichermaßen nutzungsbedingte Risiken aufweisen.

Kurz gesagt

Der Usability-Engineering-Prozess verbindet Analyse, Design, formative Iteration und summativen Nachweis zu einem durchgängigen, risikobasierten Vorgehen nach IEC 62366-1. Er endet nicht mit der Markteinführung, sondern begleitet das Produkt über den gesamten Lebenszyklus.

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