IVDR

Dr.-Ing. Benedikt JannySenior Usability Engineer | Managing Partner
Stand: 2026
Kurz-Definition

Die IVDR (In Vitro Diagnostic Medical Devices Regulation, Verordnung (EU) 2017/746) ist die europäische Verordnung für In-vitro-Diagnostika (IVD) und regelt deren Entwicklung, Konformitätsbewertung, Inverkehrbringen, Marktüberwachung und Leistungsbewertung innerhalb der EU. Sie ersetzt die frühere IVD-Richtlinie und verfolgt einen risikobasierten Regulierungsansatz mit deutlich höheren Anforderungen an klinische bzw. leistungsbezogene Nachweise, technische Dokumentation und Überwachung nach dem Inverkehrbringen.

Risikobasierte Klassifizierung als zentrale Änderung

Eine der bedeutendsten Änderungen gegenüber der früheren IVDD ist die Einführung eines regelbasierten Klassifizierungssystems mit den Klassen A, B, C und D. Die Klassifizierung orientiert sich am potenziellen Risiko für Patienten, Anwender und die öffentliche Gesundheit. Für viele Produkte, die unter der IVDD weitgehend im Selbstzertifizierungsverfahren bewertet wurden, ist nun die Beteiligung einer Benannten Stelle erforderlich – dadurch steigt die regulatorische Tiefe erheblich.

Bedeutung für Human Factors und Usability Engineering

Die IVDR enthält zwar keine eigenständige Usability-Norm, stellt jedoch Anforderungen an Sicherheit, Leistung und Risikomanagement, die unmittelbar mit der Gebrauchstauglichkeit zusammenhängen. Fehler bei Probenentnahme, Probenhandhabung, Kalibrierung, Interpretation von Ergebnissen oder Bedienung von Analysensystemen können zu Fehlbefunden und damit zu erheblichen Gesundheitsrisiken führen. Entsprechend müssen nutzungsbedingte Risiken innerhalb des Risikomanagements identifiziert, bewertet und kontrolliert werden – in der Praxis erfolgt dies häufig unter Einbindung von IEC 62366-1 und ISO 14971.

Leistungsbewertung statt klinischer Bewertung

Während für klassische Medizinprodukte die klinische Bewertung im Mittelpunkt steht, fordert die IVDR eine umfassende Leistungsbewertung. Diese umfasst typischerweise wissenschaftliche Validität, analytische Leistung und klinische Leistung. Für Usability Engineers ist relevant, dass die tatsächliche Nutzungssituation Einfluss auf alle drei Bereiche haben kann, beispielsweise durch Bedienfehler bei Point-of-Care-Systemen oder Selbsttests.

Self-Testing und Near-Patient-Testing

Besonders hohe Anforderungen entstehen bei Produkten zur Eigenanwendung sowie bei patientennahen Tests. Die Zielnutzer verfügen häufig nicht über medizinische Fachkenntnisse, wodurch Gebrauchsanweisungen, Verpackungskennzeichnungen, Fehlermeldungen und Benutzungsschnittstellen sicherheitskritisch werden. Formative Untersuchungen und Validierungsaktivitäten mit repräsentativen Nutzern gewinnen dadurch erheblich an Bedeutung.

Leistungsstudien und Real-World-Nutzung

Die IVDR stärkt die Bedeutung von Leistungsstudien. In vielen Fällen müssen Hersteller nachweisen, dass ein Produkt unter realistischen Anwendungsbedingungen die vorgesehene Leistung erreicht. Human-Factors-Aspekte können hierbei eine wesentliche Rolle spielen, wenn Bedienfehler, Verständnisschwierigkeiten oder Fehlinterpretationen die diagnostische Aussagekraft beeinflussen. Die enge Verzahnung von Leistungsbewertung und Usability Engineering wird daher zunehmend bedeutsam.

Typische Schwächen in der Praxis

Häufige Defizite bestehen darin, dass Nutzungsrisiken ausschließlich als Schulungsthema betrachtet werden oder dass die Gebrauchstauglichkeit nur oberflächlich dokumentiert wird. Ebenso werden bei Laborgeräten oft ausschließlich fachliche Nutzer betrachtet, obwohl Wartungs-, Service- oder Transportpersonal ebenfalls relevante Anwendergruppen darstellen können. Bei Selbsttests wird zudem regelmäßig die Verständlichkeit von Kennzeichnungen und Anleitungen unterschätzt.

Regulatorischer Bezug

Die Verordnung (EU) 2017/746 (IVDR) regelt das Inverkehrbringen und die Inbetriebnahme von In-vitro-Diagnostika im europäischen Binnenmarkt und führt in Anhang VIII ein risikobasiertes Klassifizierungssystem mit den Klassen A, B, C und D ein. Sie fordert Leistungsbewertung und Leistungsnachweise für In-vitro-Diagnostika sowie die Anwendung eines Risikomanagementsystems über den gesamten Produktlebenszyklus, wobei nutzungsbezogene Risiken Bestandteil dieses Systems sein können. Die IVDR verweist nicht explizit auf IEC 62366-1; ihre Anforderungen an sichere und wirksame Anwendung werden jedoch üblicherweise durch Prozesse nach IEC 62366-1 und ISO 14971 unterstützt.

Häufige Fragen (FAQ)

Ist für IVD-Produkte ein Usability Engineering File erforderlich?

Die IVDR fordert kein Dokument mit exakt dieser Bezeichnung. Wenn jedoch nutzungsbedingte Risiken für Sicherheit oder Leistung relevant sind, erwarten Benannte Stellen regelmäßig nachvollziehbare Nachweise zur Identifikation, Bewertung und Beherrschung dieser Risiken. In der Praxis wird häufig ein IEC-62366-konformes Usability-Engineering-File verwendet.

Gilt IEC 62366-1 auch für Laborgeräte, die nur von Fachpersonal genutzt werden?

Ja. Die Norm ist nicht auf Laiennutzer beschränkt. Auch erfahrene Labormitarbeiter können durch komplexe Arbeitsabläufe, schlechte Informationsdarstellung oder unzureichende Schnittstellengestaltung Nutzungsfehler verursachen.

Sind Self-Tests unter der IVDR besonders kritisch?

Ja. Da die Nutzer häufig keine medizinische Ausbildung besitzen, werden Verständnis, Interpretation und korrekte Durchführung der Tests zu wesentlichen Sicherheitsfaktoren. Entsprechend hoch sind die Erwartungen an validierte Gebrauchstauglichkeit.

Ersetzt die Leistungsbewertung die Usability-Validierung?

Nein. Die Leistungsbewertung untersucht primär die diagnostische Leistungsfähigkeit eines Produkts. Die Usability-Validierung betrachtet dagegen, ob die vorgesehenen Anwender die vorgesehenen Aufgaben sicher und wirksam durchführen können. Beide Nachweise ergänzen sich.

Kurz gesagt

Die IVDR verweist nicht explizit auf IEC 62366-1 – verlangt aber über Risikomanagement und Leistungsbewertung faktisch denselben Nachweis: dass Bedienfehler bei Probenentnahme, Kalibrierung oder Ergebnisinterpretation systematisch beherrscht werden, insbesondere bei Self-Testing und Near-Patient-Testing.

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